Konzept des Naturkindergartens

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung
  2. I. Zielsetzung
  3. II. Standort und Organisation
  4. 1. Die Eilenriede
  5. 2. Der Naturkindergarten
  6. 3. Organisation des Kindergartens
  7. a) Zusammensetzung der Gruppe
  8. b) Tagesablauf
  9. c) Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen
  10. 4. Elternmitarbeit und -mitbestimmung
  11. III. Pädagogisches Konzept
  12. 1. Einleitendes
  13. 2. Persönlichkeitsentwicklung
  14. 3. Sozialverhalten
  15. 4. Regeln und Grenzen
  16. 5. Der Schwerpunkt Naturpädagogik und seine Chancen
  17. a) Naturerleben
  18. b) Umweltpädagogik
  19. c) Sinnliche Wahrnehmung
  20. d) Ästhetik
  21. e) Spielen
  22. f) Stille
  23. g) Gesundheitliche Aspekte
  24. h) Motorische Entwicklung

Einleitung

Ein Waldkindergarten mitten in der Stadt? Bei jedem Wetter draußen? „Muss das sein” - und geht das überhaupt? So lauteten erste Reaktionen auf eine Idee, die im Sommer 1995 entstand und sich auf die Konzepte der Waldkindergärten in Flensburg, Lübeck und Dänemark stützte.Die ersten Eltern fanden jedoch schnell MitstreiterInnen, um in der Eilenriede einen Wald- bzw. Naturkindergarten zu gründen und den Kindern damit mehr Freiräume zum Spielen und Lernen mit und in der Natur „zurückzuerobern“.

Eine Elterninitiative wurde ins Leben gerufen, die mit viel Enthusiasmus an die Umsetzung der Idee ging. Das Projekt erfuhr von Anfang an viel Unterstützung, und viele Stellen waren an der Realisierung beteiligt, z.B. das Freizeitheim Lister Turm, das Räumlichkeiten zur Verfügung stellte, die von den Eltern um- und ausgebaut wurden; die Jugendämter von Stadt und Land, die berieten und den Umbau und die laufenden Kosten finanzierten; die Kinderladeninitiative, die zu jeder Zeit mit Rat und Tat zur Seite stand und viele andere mehr. Etwa ein Jahr später, zum 01.08.1996, konnte der Kindergarten den Betrieb aufnehmen.

Das vorliegende Konzept ist die Basis unserer Arbeit, aber gleichsam kein statisches Gebilde. Wir haben es in der Vergangenheit immer wieder überarbeitet. Ein pädagogisches Konzept bedarf einer ständigen Auseinandersetzung. Wir werden unser Konzept auch in Zukunft daraufhin überprüfen, ob es unseren Vorstellungen von Erziehung und unserer pädagogischen Praxis entspricht.

Naturkindergarten Eilenriede, im Februar 2007

I. Zielsetzung

Als Hauptmerkmal heutiger Kindheit wird häufig die Entsinnlichung der Lebenswirklichkeit genannt. Kinder wachsen überwiegend in einer mediatisierten und verinselten Welt auf, die von Leistungskonkurrenz geprägt ist und die sinnlichen Erfahrungen nur wenig Raum lässt. Gesellschaftlich-ökonomische Veränderungen haben die Erfahrungsmöglichkeiten von Kindern stark eingeschränkt bzw. verschoben, so dass es für sie immer schwieriger wird, sich ihre Lebenswelt zu erschließen.
Beispiele sind die dicht besiedelten Wohngebiete und die Verhäuslichung, die sogenannten Erfahrungen aus zweiter Hand und ein veränderter Umgang mit der Zeit.
Die neuzeitlichen Veränderungen der Lebensumwelt haben die Gelegenheiten für Primärerfahrungen der Kinder in der Natur stark reduziert. Nur wenige Kinder haben heute noch einen unmittelbaren Zugang zur Natur. Fernsehen, CD's, Bücher usw. vermitteln den Kindern eine Fülle von Informationen, jedoch nicht in direkter Auseinandersetzung mit der Realität. Die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse bleiben auf der Strecke.
Dieser Entwicklung kann der „Naturkindergarten Eilenriede e.V.“ entgegenwirken, indem er es sich zur Aufgabe macht, zur Rückgewinnung von Erfahrungsräumen für Kinder beizutragen.
In Stadtteilen wie der List und der Oststadt mit hoher Bebauungsdichte, hohem Verkehrsaufkommen und wenig Freiflächen sind die Möglichkeiten für Kinder, in „natürlicher“ Umgebung zu spielen und einen eigenen Aktionsradius zu haben, sehr
Obwohl die Eilenriede als naher Stadtwald relativ gut zu erreichen ist, können Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren diesen Naturraum aufgrund der umliegenden stark befahrenen Straßen nicht allein aufsuchen und entdecken.
Das entdeckende Spielen in der Natur, das Erleben der Wachstumsprozesse und der unterschiedlichen Bedingungen der Jahreszeiten sind für die Kinder dieser Stadtteile nur eingeschränkt möglich. Auch die Erfahrung, Freiräume zum Toben, Rennen, Klettern zu haben, und verschiedene Sinneserfahrungen wie Beobachten, Riechen, Fühlen, Lauschen etc. zu machen, ist für die Kinder dieser Stadtteile in vielen Fällen nur begrenzt möglich. Dazu kommt die Möglichkeit des Aufwachsens an relativ „frischer Luft“, deren Qualität im Wald erheblich besser ist als in den umliegenden Wohngebieten.
Um den Kindern diese Rechte zurückzugeben, müssen Nischen gefunden werden, in denen - auch und gerade in der Stadt - elementare und gemeinsame Naturerfahrung wieder möglich wird. Der Verein „Naturkindergarten Eilenriede e.V.“ wurde u.a. mit dem Ziel gegründet, Kindern diese ganzheitlichen Erfahrungen wieder zu ermöglichen.

II. Standort und Organisation

1. Die Eilenriede

Die Eilenriede als Stadtwald eignet sich in besonderer Weise für einen Wald- bzw. Naturkindergarten, da sie schon aufgrund ihrer Größe und Vielfalt zahlreiche Erlebnismöglichkeiten für Stadtkinder bietet. Die Lebensgemeinschaft Wald mit all ihren Tieren und Pflanzen ist an vielen Stellen noch relativ intakt und lässt die Kinder - im Vergleich zur Wiese oder zum Park - eine große Naturnähe erleben, die sich günstig auf die Anbahnung einer positiven Einstellung zur Natur auswirken kann.
Der Stadtwald Eilenriede besteht aus einem südlichem und einem nördlichen Teil, wobei hier der nördliche Teil genutzt wird. Die nördliche Eilenriede wird durch die Wohngebiete List, Oststadt und Kleefeld begrenzt und hat eine Fläche von 390 ha. Die Eilenriede ist Sauerstofflieferant, Staubfilter, Lärmschutz, und sie ist als optische Abschirmung wirksam. Flora und Fauna des Waldes sind durch großen Artenreichtum gekennzeichnet. Neben ihrer Bedeutung als Erholungsort erfüllt sie für Hannover also eine sehr wichtige ökologische Funktion.

2. Der Naturkindergarten

Im ursprünglichen Waldkindergarten kann im Sommer eine reine Betreuungszeit von vier, im Winter von drei Stunden gewährleistet werden. Natur- oder Waldkindergärten in anderen deutschen Städten sind ausschließlich Halbtagseinrichtungen ohne feste Gruppenräume. Ein ausgewähltes Waldstück ist hier Ausgangspunkt und Zentrum des Kindergartentages. Die Gruppen verfügen meist über eine kleine Schutzhütte, in die bei extremer Witterung ausgewichen wird.
Der Naturkindergarten Eilenriede e.V. bietet im Gegensatz zu solchen Waldkindergärten eine ganztägige Betreuungszeit von 8:00 bis 15:30 Uhr. Von Eltern renovierte Räume im Lister Turm bieten den Kindern attraktive Spielmöglichkeiten. Der Naturkindergarten Eilenriede gewährleistet eine 7 1/2-stündige Betreuungszeit, weil der Kindergarten auch für Alleinerziehende und berufstätige Eltern eine Alternative sein möchte.
Die Betreuungszeit am Vormittag findet in der Natur statt. Das Mittagessen wird im Kindergarten eingenommen.

3. Organisation des Kindergartens

a) Zusammensetzung der Gruppe

Der Naturkindergarten verfügt über 17 Ganztagsplätze. Die Gruppe besteht aus Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren, sie soll sich annähernd zu gleichen Teilen aus Mädchen und Jungen zusammensetzen.

b) Tagesablauf

Ab 7:45 Uhr können die Kinder in den Kindergarten gebracht werden. Gegen 08:30 Uhr geht es auf den Waldspielplatz am Lister Turm, wo die weiteren Kinder dazukommen. Es gibt verschiedene vertraute und erprobte Plätze wie z.B. das „Rad“, das „Hohe Gras“, oder die Wiese am „Franzosenhau“. Alle überlegen gemeinsam, welches Ziel sie erreichen wollen.
Um 9:00 Uhr geht es los. Jedes Kind hat seinen eigenen Rucksack mit Frühstück und Ersatzkleidung dabei. Im Kindergartenbollerwagen werden Iso-Matten , Erste-Hilfe-Ausrüstung, Getränke und Arbeitsmaterialien (z.B. Bestimmungsbücher, Gitarre, Spielzeug und Werkzeug) transportiert. Die Kinder sind dem Wetter entsprechend gekleidet (festes Schuhwerk, Regenhose und Gummistiefel bei Regenwetter, der bewährte „Zwiebel-Look“ bei kaltem Wetter). Am Ziel angelangt, beginnt der Tag mit einer gemeinsamen Morgenrunde. In dieser können die Kinder von Wochenenderlebnissen erzählen, es wird gesungen, vorgelesen u.a.. Danach wird gefrühstückt.
Am Vormittag ist Zeit für gemeinsame Aktivitäten: Bewegungsspiele, auf Bäume klettern, gemeinsam ein Buch anschauen, Lieder singen, Basteln mit Naturmaterialien, Toben, Entdecken, Werken etc. Kinder benötigen Kontakt zu anderen Kindern, um gemeinsame Erfahrungen machen und so Beziehungen und Freundschaften untereinander entwickeln zu können. Dieses ermöglicht ihnen eine Freispielphase.
Gegen Mittag wird alles wieder eingepackt und der Rückweg zum Lister Turm angetreten, wo das Mittagessen eingenommen wird. Der Zeitpunkt der Rückkehr wird je nach Wetter und Spielsituation der Kinder flexibel gehandhabt.
Nach dem Mittagessen werden die Zähne geputzt, danach können die Kinder frei spielen, basteln, malen oder bei schönem Wetter auf dem Außengelände des Lister Turms spielen. Außerdem gibt es wochentagsabhängig verschiedene Angebote, z.B. Basteln und Rhythmik. An einem Nachmittag in der Woche werden die älteren Kinder mit einem Vorschulprogramm gefördert.
Bei zusätzlichen Aktivitäten verändert sich der Tagesablauf. Möglich sind zum Beispiel Besuche von Kindertheaterstücken, der Stadtteilbücherei und Ausflüge ins Schwimmbad, zum Zoo, zum Schulbiologiezentrum, zu einem Bauernhof. Bei den letztgenannten Angeboten kann auf die reichhaltigen Erfahrungen in der Projektarbeit des Lister Turms zurückgegriffen werden.
Von 15:00 bis 15:15 Uhr gibt es eine gemeinsame Abschlussrunde. Ab 15:15 Uhr werden die Kinder abgeholt, Betreuungszeit ist bis 15:45 Uhr.

c) Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen

Lister Turm

Die besonderen Chancen und Möglichkeiten der Anbindung eines Kindergartens an das Freizeitheim Lister Turm stellen sich wie folgt dar:
Der Lister Turm verfügt über jahrelange Projekterfahrung mit Kindern und Jugendlichen im Stadtteil. Insbesondere betrifft dies den Schwerpunkt Naturerleben/Naturerfahrung in Verbindung mit ästhetischer Bildung. Vor diesem Hintergrund gibt es Unterstützung bei konzeptioneller Arbeit und Vermittlung konkreter Erfahrungen (Weiterbildungsangebote für die ErzieherInnen, einen Literaturfundus), sowie für die tägliche Arbeit wichtige Kontakte (z.B. Förster und Imker).
Die Möglichkeiten der Kooperation der Elterninitiative und der Kultureinrichtung bestehen insbesondere auch im Bereich der ästhetischen Bildung, der Kulturarbeit mit Kindern, z.B. Theatervorstellungen im Haus.

Kinderladeninitiative

Der Naturkindergarten Eilenriede e.V. ist Mitglied im stadtweiten Zusammenschluss der Kinderläden, der „Kinderladeninitiative e.V.“. Die regelmäßig stattfindenden Treffen aller VertreterInnen der Kinderläden Hannovers werden von den Eltern (einem Vertreter) besucht. Die ErzieherInnen und Eltern des Naturkindergartens können an den Fortbildungen und Informationsveranstaltungen der KiLa-Ini teilnehmen und von deren MitarbeiterInnen Informationen, z.B. über arbeitsrechtliche Grundlagen erhalten.

4. Elternmitarbeit und -mitbestimmung

Bei dieser Einrichtung handelt es sich um eine Elterninitiative, deshalb kommt der Elternmitarbeit eine besondere Bedeutung zu. Diese liegt zum einen im inhaltlich/konzeptionellen, zum anderen im organisatorischen Bereich. Ziel dabei ist, dass die Eltern sich an der Weiterentwicklung inhaltlicher Ziele und konzeptioneller überlegungen gemeinsam mit den ErzieherInnen beteiligen.
Die allgemeine Organisation des Kinderladens ist die Aufgabe der Eltern. Sie sind zuständig für die Verwaltung (Personal, Finanzen etc.). Organisatorisch müssen sie einen Teil der Verantwortung und auch der anfallenden Arbeiten wie z.B. Renovierungen, Einkäufe, Zusammenarbeit mit der Kinderladeninitiative etc. übernehmen. Die Mitarbeit bei der Planung und Durchführung von Ausflügen, Fahrten und Festen gehört ebenfalls zur Aufgabe der Eltern. Wenn die ErzieherInnen krank sind, müssen Eltern bei der Betreuung der Kinder helfen.
Elternabende finden regelmäßig statt. Auf den Elternabenden werden sowohl inhaltlich-pädagogische sowie auch organisatorische Themen und Aufgaben diskutiert. Abwechselnd finden pädagogische (z.B. zu Themen wie Umsetzung des Konzeptes, Gruppensituation, Arbeitsschwerpunkte, Koedukation, Umgang mit Aggressionen) und organisatorische Elternabende (z.B. zu Themen wie Verteilung der notwendigen Verwaltungsarbeiten, Renovierung der Räume, Öffentlichkeitsarbeit, Organisation von Festen) statt.
Die pädagogischen Elternabende werden von ErzieherInnen vorbereitet; die zu behandelnden Themen werden von beiden Seiten eingebracht. Die organisatorischen Elternabende werden von den Eltern vorbereitet. Die regelmäßige Teilnahme an den Elternabenden ist verpflichtend. Elterngespräche mit den pädagogischen Fachkräften werden mindestens einmal jährlich geführt, sind aber bei Bedarf jederzeit auch zwischendurch möglich.

III. Pädagogisches Konzept

1. Einleitendes

Ein wichtiges Ziel ist die ganzheitliche Förderung der Kinder im emotionalen, motorischen, sozialen, sprachlichen und kognitiven Bereich. Gelingen kann das nur in einer Atmosphäre, in der sich Kinder ernst genommen, anerkannt und geborgen fühlen.

2. Persönlichkeitsentwicklung

Im Zusammenleben anderen Kindern und Erwachsenen erfährt das Kind seine Stärken und Schwächen, und es findet seinen Platz in der Gruppe. Die Kinder sollen lernen, selbständig zu werden, d.h. zunehmend Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen.

3. Sozialverhalten

Soziales Verhalten muss gelernt werden. Kinder sollen lernen, sich in die Gruppengemeinschaft einzufügen und Freundschaften zu entwickeln. Eigene Bedürfnisse müssen dabei im Interesse anderer Kinder oder der Gruppe auch einmal zurückgestellt werden. Den Kindern wird der Freiraum gegeben, selbständig Erfahrungen zu sammeln und so Freundschaften aufzubauen, die auch außerhalb der Betreuungszeit weiterentwickelt werden. Die Kinder sollen im Naturkindergarten lernen, sich gegenseitig zu helfen, mit Aggressionen umgehen zu können, sich gegenseitig im gemeinsamen Spiel zu motivieren und so letztendlich ein Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Gruppe zu entwickeln. Im Kindergarten treffen Kinder aus unterschiedlichen familiären, sozialen und kulturellen Strukturen aufeinander, ErzieherInnen und Eltern arbeiten daran, Toleranz gegenüber Anderen einzuüben.

4. Regeln und Grenzen

Kinder brauchen Regeln und Grenzen, an denen sie sich orientieren können. Grenzen haben auch eine schützende Funktion, Regeln vermitteln Sicherheit. Um Kindern Orientierung zu bieten und Werte zu vermitteln, ist die Vorbildfunktion der ErzieherInnen und ihr konsequentes Verhalten wichtig. Die ErzieherInnen vereinbaren mit den Kindern situationsangepasste Regeln und achten auf deren Einhaltung. Dazu gehören Regeln, die für den Kindergartenalltag gelten und Regeln, die die Beziehungen der Kinder untereinander betreffen.

5. Der Schwerpunkt Naturpädagogik und seine Chancen

Der inhaltliche Schwerpunkt in der thematischen Arbeit liegt darin, über die sinnliche und kognitive Erfahrung eine Beziehung zur Natur aufzubauen und Wissen über sie an die Kinder weiterzugeben.
Kinder schätzen an der Eilenriede vor allem die Abwechslung, die Möglichkeiten zu vielfältigen Aktivitäten und die Erfahrungsspielräume, die sie bietet. „Reine Naturerfahrung“ reicht allerdings nicht immer aus, Kinder müssen auch angeleitet werden. Die ErzieherInnen haben die Aufgabe, eine Balance zwischen spontanen Naturerfahrungen einerseits und sinnvoller Naturpädagogik andererseits zu gestalten.
Die Kinder bekommen im Naturkindergarten kein romantisches Naturverständnis vermittelt. Sie lernen im Wald sehr schnell, dass dort nicht nur Blumen blühen und Vögel zwitschern, sondern auch gestochen und gestorben wird. Kinder entwickeln allerdings auch einen Sinn für die Schönheit der Natur. Wer als Kind die Natur schätzen lernt, wird sich vielleicht als Erwachsener für ihren Schutz einsetzen.

a) Naturerleben

Erfahrungen zeigen, dass die eigene Motivation bei Kindern steigt, wenn sie vermehrt zu selbständigen Aktivitäten angeregt werden. Erst die reale Begegnung mit der Natur wird die Kinder dazu anregen, sich mit ihr spielerisch auseinander zu setzen. Durch die alltägliche „Wald-Erfahrung“ können die Kinder den Wald ganzheitlich, mit Kopf, Herz und Hand und so mit allen Sinnen erfahren. Sie gewinnen einen realen Einblick in die Lebensweise und die Bedürfnisse von Pflanzen und Tieren. Es wird ein intensives Naturerleben ermöglicht, das sich positiv auf verschiedene Ebenen der kindlichen Entwicklung (emotional, kognitiv und sozial) auswirkt und als Ergebnis ein besseres Umweltbewusstsein und eine damit verbundene Handlungsbereitschaft der Kinder zur Folge haben kann.

b) Umweltpädagogik

Die heutige Umweltproblematik bringt es mit sich, dass der Umweltpädagogik immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Obwohl sich immer mehr Menschen für den Erhalt der Natur einsetzen, sind es noch zu wenige, die sich für die Natur interessieren, die mitdenken und -handeln. Gerade hier kann der Naturkindergarten ansetzen und durch eine zielgerichtete Umwelterziehung ein positives und verantwortungsvolles Umweltbewusstsein bei den Kindern aufbauen und sie so zu einem umweltbewussten Verhalten erziehen, das über die Kindergartenzeit hinaus erhalten bleibt.
Wir gehen in Anlehnung daran davon aus, dass das Kind sich mit allen seinen Sinnen die Umwelt aneignet, die Welt für sich persönlich „neu erschafft“. Der Einsatz aller Sinne, wie Sehen, Hören, Tasten, Riechen und Schmecken verstärkt das Erleben, Erforschen, Lernen und Verstehen. Für das Kind ist das Wahrnehmen ein „In-Beziehung-setzen“ zwischen Gegenstand und persönlicher Erfahrung.
Daher muss Umweltpädagogik vor allem die Entwicklung der Sinne und die Schulung der Wahrnehmung zum Gegenstand haben. Dies kann u.a. erreicht werden durch:

c) Sinnliche Wahrnehmung

Ein Merkmal heutiger Kindheit bzw. unserer Gesellschaft ist die veränderte Beanspruchung unserer Sinne. Zum einen werden im Alltag hauptsächlich die Fernsinne (Auge und Ohr) gefördert mit der Folge der überreizung, die dazu führt, dass kaum noch Reize differenziert wahrgenommen werden. Zum anderen sind die anderen Sinne damit unterfordert. Vor allem durch die mediale Entwicklung scheinen diese übrigen Sinne in Vergessenheit zu geraten. Des weiteren werden Sinnlichkeit und Affektivität in unserer Gesellschaft häufig als störend empfunden. Möglichst früh muss das Kind sich „zivilisieren“, rationalisieren. Dabei sind Sinnlichkeit und Wahrnehmung wesentliche Bestandteile des Menschen und sie müssen Beachtung finden, damit sich Selbstgefühl, Naturerleben und Lebensfreude entfalten können.
Der Naturkindergarten ermöglicht, dass der wichtige Bereich der sinnlichen Wahrnehmung spielerisch in vollen Zügen ausgeschöpft werden kann. An dieser Stelle einige Beispiele:

d) Ästhetik

Durch das genaue Betrachten z.B. der Farben und Formen von Blüten und Baumrinden, das Wahrnehmen der jahreszeitlichen Aspekte des Waldes wird das ästhetische Empfinden der Kinder angesprochen. Es ist dabei wichtig, die Kinder auf diese Phänomene aufmerksam zu machen, denn häufig sehen Kinder dieser Altersgruppe über solche Erscheinungen hinweg. Es gilt, den Kindern das Bewusstsein zu vermitteln, dass die Natur über eine reiche Farb- und Formenvielfalt verfügt, auch wenn man auf den ersten Blick vielleicht gar nichts besonderes entdecken kann. Kinder sollen lernen, die natürliche Schönheit zu respektieren.

e) Spielen

Im Wald erfinden die Kinder mit ihrer Phantasie und Kreativität viele Möglichkeiten zum Spielen und Toben (so kann ein Stock als Telefon, als Flöte oder Klangerzeuger benutzt werden), alleine und miteinander. Kinder sind und wollen erfinderisch sein. Das Spiel mit Naturmaterialien in nicht gestalteter Umgebung fördert die kindliche Fähigkeit, eigene Spielideen kreativ in die Tat umzusetzen.

f) Stille

Kinder können in einer nicht reizüberfluteten Umgebung sich selbst und die anderen intensiver wahrnehmen und durch die äußere Stille auch eine innere Ruhe und Konzentrationsfähigkeit entwickeln.

g) Gesundheitliche Aspekte

Die Bewegung in der Natur und in frischer Luft fördert die Ausbildung der Grob- und Feinmotorik. Das Körpergefühl der Kinder steigt. Der Aufenthalt im Wald fördert die Immunisierung der Kinder und kann helfen, Allergien vorzubeugen. Zusätzlich fördert die Bewegung in der Natur und die Beschäftigung mit ihr das seelische Wohlbefinden der Kinder.

h) Motorische Entwicklung

Der Wald macht den Kindern ein abwechslungsreiches Bewegungsangebot und bietet Freiräume für vielfältige Bewegungs- und Spielmöglichkeiten. Dadurch werden das Selbstvertrauen, die Phantasie und die Neugier der Kinder gefördert. Kinder, die toben, klettern, balancieren und Stille erleben dürfen, bilden die Wahrnehmungsfähigkeit differenziert aus und unterstützen durch diese Aktivitäten ihr kognitives Lernvermögen.